Das Tier als Mitgeschöpf – die Position der evangelischen Kirche

„Zur Verantwortung des Menschen für das Tier als Mitgeschöpf“. Die Frage nach dem Verhältnis zu den Tieren – unseren Mitgeschöpfen – ist angesichts heutiger Entwicklungen bedeutender denn je. Insbesondere die Kirchen sehen sich mit der Aufgabe konfrontiert, den bis heute leider noch unzureichenden Status der Tiere theologisch aufzuarbeiten und neu zu bestimmen. Bereits 1991 veröffentlichte die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD) einen Diskussionsbeitrag* mit dem Titel Zur Verantwortung des Menschen für das Tier als Mitgeschöpf, in dem sich die Mitglieder ihres Umweltrates mit der Frage nach der Notwendigkeit eines neuen Verhältnisses des Menschen zu den Tieren als ihre Mitgeschöpfe befassten.

Was sagt die evangelische Kirche?

Hartmut Löwe, emeritierter evangelischer Bischof und Präsident im Kirchenamt der Evangelischen Kirche in Deutschland, sieht das gestörte Verhältnis zwischen Mensch und Tier in erster Linie in der „mit der technischen Zivilisation eingetretenen Fremdheit des Menschen gegenüber seinen elementaren Lebensgrundlagen“ begründet (1). Diese äußere sich unter anderem in der Einschätzung der Tiere als bloße Sache, als Gebrauchs- und Verbrauchsgüter, ohne Respekt vor ihrem Eigenwert (2).

"Gott erschafft die Landtiere" - Zeichnung von Antonio Tempesta (Italien, 1555-1630)
„Gott erschafft die Landtiere“ – Zeichnung von Antonio Tempesta (Italien, 1555-1630)

Der Herrschaftsauftrag – ein missverstandener Auftrag?

Insbesondere den Kirchen wurde und wird auch heute noch vorgeworfen, durch die „Duldung oder gar Propagierung“ des in der Bibel zugrundegelegten „ausbeuterischen Verständnisses des Herrschaftsauftrags Macht euch die Erde untertan“ maßgeblich mitverantwortlich an dem Missverhältnis zwischen Mensch, Natur und Tieren zu sein (3). Nicht zuletzt deshalb scheinen die Kirchen darum bemüht, das christliche Verhältnis von Mensch und Tier neu aufzuarbeiten und das biblische Verständnis des Herrschaftsauftrags in seiner Aktualität zu entfalten. So sehen die Mitglieder des wissenschaftlichen Beirats die Sonderstellung des Menschen zwar durchaus in der Schöpfungserzählung begründet, jedoch verpflichte Gottes Ebenbildlichkeit dazu, dass „alle Ausübung von Macht auf die Bewahrung der Schöpfung gerichtet sein und in liebender Sorge und hegendem Bewahren geschehen“ muss (4). Bezogen auf unsere Mitgeschöpfe bedeutet dies, Verantwortung zu übernehmen, denn allein „der Mensch kann die Folgen seines Handelns für Mitmensch und Mitgeschöpf erkennen und daraus Folgerungen ziehen; allein der Mensch kann darum auch an der Schöpfung schuldig werden.“ (5)

Eine Ethik der Mitgeschöpflichkeit

Einige Mitglieder des wissenschaftlichen Beirats fordern daher die Ausarbeitung einer „Ethik der Mitgeschöpflichkeit“. Der Zustand des verheißenden Schöpfungsfriedens, wie er in der Schöpfungserzählung zugrunde gelegt ** und in Jesaja*** prophezeit wird, sei der Richtpunkt, an dem sich unser Tun und Handeln orientieren müsse (6). So dürfe die Tötung von Tieren nur als Akt der Barmherzigkeit geschehen, „um ein nicht zu behebendes Leiden zu beenden“, als Folge einer Notwehrhandlung oder in vergleichbaren Extremsituationen (7).

Was bedeutet dies für unseren heutigen Umgang mit unseren Mitgeschöpfen?

Genau genommen schließt dies grundsätzlich jegliche Nutzung von Tieren für menschliche Zwecke aus, da diese sich in der heutigen Tierwirtschaft immer am Nutzen für den Menschen orientiert – sei es in der Nahrungsmittel-, Bekleidungs- oder Unterhaltungsindustrie oder im Bereich der Medizin – und nach einem von Ausbeutung und Leid geprägten Leben immer mit dem Tod der Tiere endet.

Was bedeutet dies konkret für uns?

„Liebe, Friede, Treue, Sanftmut und Gerechtigkeit müssen sich im Umgang mit allem Lebendigen bewähren.“ (8) Mit der Entscheidung zu einer tierfreundlichen Lebens- und Ernährungsweise tragen wir dieser Notwendigkeit Rechnung. Doch mit dem Konsum von Fleisch, Fisch, Eiern und Milch, dem Tragen von Leder, Wolle oder Pelz, dem Kauf von Kosmetika und Pflegeprodukten, die in grausamen Experimenten an Tieren getestet wurden, oder dem Besuch von Zoos und Zirkussen unterstützen wir weiterhin das ausbeuterische System an unseren Mitgeschöpfen.

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* Anmerkung der EKD: Ein Diskussionsbeitrag ist keine Stellungnahme der evangelischen Kirche, die eine gegenwärtig geführte Debatte abschließt.
** Gott sah zunächst eine rein pflanzliche Ernährung für die Menschen vor. Gen 1,29: „Dann sprach Gott: Seht, ich übergebe euch alle Pflanzen, die Samen bringen auf der ganzen Erde, und alle Bäume mit Früchten, die Samen bringen: dies sei euere Nahrung.“
*** Jesaja 11,6-9: „Dann wohnt der Wolf bei dem Lamm / und lagert der Panther bei dem Böcklein. Kalb und junge Löwen weiden gemeinsam, / ein kleiner Junge kann sie hüten. Die Kuh wird sich der Bärin zugesellen / und ihre Jungen liegen beieinander, / der Löwe nährt sich wie das Rind von Stroh.“

Quellen
(1) Zur Verantwortung des Menschen für das Tier als Mitgeschöpf, EKD-Text 41, 1991, Vorwort.
(2) Ebd.
(3) Ebd., Punkt 2
(4) Ebd., Punkt 8
(5) Ebd., vgl. Punkt 9
(6) Ebd., Punkt 18
(7) Ebd.
(8) Ebd., Punkt 14

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